Authentizität in der Führung ist ein schillernder Begriff. Lange Zeit sehr angesagt doch immer wieder angezählt. Authentizität hat mit starken Vorbehalten zu kämpfen, ist weder einfach umzusetzen noch leicht zu lernen. Dennoch hält sich Authentizität hartnäckig in den Top Rankings der Führungskompetenzen und ist aktuell wieder besonders im Fokus. Was meint der Begriff genau und was meint er gerade nicht? Was bedeutet Authentizität für die Wirksamkeit von Führung und wie kann man auf dieser Basis einen kraftvollen, inspirierenden Führungsstil entwickeln?
Authentizität ist der Nordstern für die Führungsentwicklung
Eine authentische Führungskraft hat einen inneren Kompass und steht für ihre Überzeugungen ein. Ist Authentizität damit einfach ein schönes Ideal? Es gibt nüchterne Zahlen, die einen signifikanten Zusammenhang von Authentizität mit den nötigen Kompetenzen für eine kraftvolle, gestaltende Führung belegen. Die Kompetenzforschung belegt den Zusammenhang von authentischer Führung mit guten Beziehungen, erfolgreicher Teamarbeit und dem gemeinsamen Erreichen von Ergebnissen anhand von Daten aus der Befragung von tausenden Führungskräften. Authentizität und Effektivität von Führung gehört zusammen. Darüber hinaus zeigt eine Studie in mehreren hundert Unternehmen einen engen Zusammenhang von authentischer Führung mit guten Geschäftsergebnissen. Es gibt also starke rationale Argumente, sich mit Authentizität und Führung zu beschäftigen.
Daten zeigen einen signifikanten Zusammenhang von Authentizität und Führungseffektivität und guten Geschäftsergebnissen
Authentizität, bedeutet, dass das, was ich nach außen zeige, mit dem, was ich innerlich für mich erlebe, in Übereinstimmung ist. Wenn eine Führungskraft als authentisch beschrieben wird, gilt sie als integer. Man kann sich auf diese Person verlassen. Man weiss, dass ihren Worten auch Taten folgen werden. Man kann von ihr erwarten, dass sie für ihre Überzeugungen und Werte eintritt und Dinge anspricht, die andere sich nicht trauen anzusprechen. Das Verhalten der Führungskraft ist kohärent, stimmig. Man kann ihr vertrauen, weil sie sich selbst treu ist. Dadurch steigt die Bereitschaft, dieser Führungskraft zu folgen, denn man weiss, dass sie einen nicht enttäuschen wird. Als Kollegin oder Kollege, als mitarbeitende Person oder auch vorgesetzte Führungskraft, man weiss, woran man bei dieser Person ist. Diese Verlässlichkeit ist gerade dann wichtig, wenn es darum geht, Veränderungen zu gestalten oder bei Entscheidungen, die ein Risiko bedeuten können. Deshalb gilt Authentizität als der Nordstern für die Führungsentwicklung, weil bedeutsame Führung immer mit Veränderung und Risiken zu tun hat. Eine Führung, die keinen gestaltenden Anspruch hat, sondern nur den Status Quo verwaltet, braucht wahrscheinlich weniger Authentizität. Doch diese Führung wird von kaum einer Organisation gebraucht die an ihrer eigenen Zukunft interessiert ist.
Einwände
Die Kritik an Authentizität in der Führung kommt aus verschiedenen Richtungen. Früher wurde gesagt, die Idee von Führung und Authentizität wäre weltfremd. Authentische Führung wäre schlicht unrealistisch. Man würde damit seine Karriere riskieren. Heute wird eher kritisiert, dass manche Führungskräfte zu viel von sich im Arbeitskontext zeigen. Man solle nicht das ganze Selbst in die Organisation bringen. Das würde zu weit gehen.
Wer argumentiert, dass Authentizität in der Führung unrealistisch ist, vermeidet wahrscheinlich eine eigene Sichtweise. Im Extrem denkt man von Organisationen, dass Entscheidungen ganz oben gefällt und im weiteren nur umgesetzt werden müssen. Konflikte sind zu vermeiden und sachlichen Differenzen sollten mit Vorgesetzten nicht aufkommen, sonst steht es schlecht um die Karriere. Sicherlich ist Loyalität eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Hierarchie. Wenn aber unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen nicht besprechbar sind, wird die Organisation blind. Organisationen benötigen verschiedene Akteure mit eigenen Ansichten und Wertvorstellungen als Vielfalt der Sensoren für eine sich schnell verändernde Außenwelt. Führungskräfte, die ihr unabhängiges Urteilsvermögen einbringen, verbessern die Erfolgschancen. Doch genau diese Führungskräfte verlassen die Organisation, wenn sie erleben, dass ihre Sichtweisen nicht gefragt sind.
Wer lediglich den Status Quo halten möchte, braucht keine authentische Führung.
Als Führungskraft muss man sich fragen, ob die Werte, die die Organisation vertritt zu den eigenen passen. Sicherlich kann man nicht erwarten, dass sämtliche eigenen Werte deckungsgleich mit denen der Organisation sind. Man sollte auch nicht erwarten, dass jede Entscheidung die in der Organisation getroffen wurde meiner eigenen Einschätzung entspricht. Wie zum Leben in einer Gesellschaft gehört es auch zum Alltag in einer Organisation, dass es Dinge gibt, die mir nicht gefallen. Wird jedoch die Übereinstimmung zwischen dem, was ich für richtig halte, und dem, was die Organisation tut, zu gering, dann muss eine Führungskraft überlegen ob sie das noch verantworten kann. Der Mangel an Übereinstimmung wirkt sich negativ auf die Wirksamkeit als Führungskraft und die Arbeitszufriedenheit aus. Oft merkt man die Effekte erst beim Wechsel des Unternehmens. Arbeitet man in einer Umgebung, die mehr den eigenen Vorstellungen entspricht, wird das ganze Arbeitsleben fruchtbarer. Die Person blüht auf, als Führungskraft ist man wirksamer, glücklicher und lebt tatsächlich auch gesünder.
Authentische Führung kommt heute wieder mehr ins Gespräch, weil mehr Menschen sich fragen, ob der Job den sie machen, wirklich das ist, zu dem sie ja sagen können. Es ist auch ein Zeichen von persönlicher Entwicklung, wenn man die eigenen Werte überprüft. Will ich ja sagen zu den Auswirkungen der Arbeit auf mich, auf andere und auf die kommenden Generationen? Diese Fragen sind ein wichtiges Merkmal der Transformation, in der die Wirtschaftswelt sich befindet.
Will ich ja sagen zu den Auswirkungen der Arbeit auf mich, auf andere und auf die kommenden Generationen? Diese Fragen sind ein wichtiges Merkmal der Transformation, in der die Wirtschaftswelt sich befindet.
Jüngere Einwände gegen Authentizität in der Führung argumentieren, dass man nicht das ganze, ganze Selbst auf derArbeit zeigen solle. Manche persönlichen Äußerungen würden in einer Firma deplatziert wirken. Was aus dem privaten Leben in den Arbeitsalltag passt, muss man gemeinsam herausfinden und damit experimentieren. Deutlich zeigt sich, dass Organisationen stärker werden, wenn die Menschen sich als Personen unterstützt fühlen. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass in Führungsteams Vertrauen zunimmt, wenn man persönliche Erfahrungen teilt. Doch nicht alles was man ist, muss man zeigen, um authentisch zu sein. Dafür hat Ruth Cohn den Begriff der selektiven Authentizität geprägt. Selektive Authentizität bedeutet, dass das, was man sagt, mit dem eigenen Empfinden und Werten in Übereinstimmung ist. Aber nicht alles, was man ist, empfindet und als wertvoll erachtet, sagt man auch. Es ist eine selektive Setzung, was man preisgeben möchte und man für eine Situation als angemessen ansieht. Authentizität braucht daher Bewusstheit über sich und die eigenen Überzeugungen ebenso wie ein Gewahrsein des Kontextes in dem man sich befindet. Kontextbewusst authentisch führen bedeutet daher eher angemessen als angepasst.
Authentische Führung bedeutet, dass eine Führungskraft etwas zur Problemlösung beitragen möchte. Sie setzt ihre Integrität für wichtige Themen ein und mobilisiert andere dafür, sich und die Welt weiter zu entwickeln.
Eine weitere Kritik an Authentizität ist, dass 'authentisch' an und für sich nicht schon gut ist. Man kann in Übereinstimmung mit sich sein – doch wenn dabei nur Eigennutz herauskommt, dann ist man halt ein authentischer Egoist. Doch die wenigsten Egoisten sind authentisch. Die meisten verstecken ihre Machtspiele hinter Absurditäten, die zwar sachlich töricht aber bedeutungsvoll daherkommen. Der eigene Machterhalt und die persönliche Bereicherung wird meist hinter heldenhaften Phantasien versteckt. Es geht eher darum, die einen gegen die anderen auszuspielen anstatt den eigenen Job verantwortungsvoll auszuüben. Authentische Führung bedeutet hingegen, dass eine Führungskraft etwas zur Problemlösung beitragen möchte. Sie setzt ihre Integrität für wichtige Themen ein und mobilisiert andere dafür, sich und die Welt weiter zu entwickeln.