Authentizität in der Führung ist ein schillernder Begriff. Lange Zeit sehr angesagt doch immer wieder angezählt. Authentizität hat mit starken Vorbehalten zu kämpfen, ist weder einfach umzusetzen noch leicht zu lernen. Dennoch hält sich Authentizität hartnäckig in den Top Rankings der Führungskompetenzen und ist aktuell wieder besonders im Fokus. Was meint der Begriff genau und was meint er gerade nicht? Was bedeutet Authentizität für die Wirksamkeit von Führung und wie kann man auf dieser Basis einen kraftvollen, inspirierenden Führungsstil entwickeln?
Authentizität ist der Nordstern für die Führungsentwicklung
Eine authentische Führungskraft hat einen klaren inneren Kompass und steht für ihre Überzeugungen ein. Ist Authentizität damit einfach ein schönes Ideal? Tatsächlich belegen nüchterne Zahlen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Authentizität und den Kompetenzen, die für eine kraftvolle, gestaltende Führung erforderlich sind. Die Kompetenzforschung zeigt, dass authentische Führung verbunden ist mit guten Beziehungen, erfolgreicher Teamarbeit und dem gemeinsamen Erreichen von Ergebnissen. Diese Erkenntnisse basieren auf Daten aus der Befragung tausender Führungskräfte. Authentizität und Effektivität von Führung gehen Hand in Hand. Darüber hinaus zeigt eine Studie in mehreren hundert Unternehmen einen engen Zusammenhang von authentischer Führung mit guten Geschäftsergebnissen. Es gibt also starke rationale Gründe, sich mit Authentizität und Führung zu beschäftigen.
(Quelle: Anderson, Adams (2015). Mastering Leadership. Wiley.)
Daten zeigen einen signifikanten Zusammenhang von Authentizität und Führungseffektivität und guten Geschäftsergebnissen
Authentizität, bedeutet, dass das, was man nach außen zeigt, mit dem übereinstimmt, was man innerlich erlebt. Eine authentische Führungskraft gilt als integer und verlässlich. Man weiss, dass ihren Worten auch Taten folgen werden. Man kann von ihr erwarten, dass sie für ihre Überzeugungen und Werte eintritt und Themen anspricht, die andere scheuen. Das Verhalten der Führungskraft ist kohärent, stimmig. Ihr Verhalten ist kohärent und stimmig, was Vertrauen schafft, da sie sich selbst treu bleibt. Diese Verlässlichkeit erhöht die Bereitschaft, ihr zu folgen, da man weiß, dass sie einen nicht enttäuschen wird. Als Kollegin oder Kollege, als mitarbeitende Person oder vorgesetzte Führungskraft weiß man, woran man bei ihr ist. Diese Verlässlichkeit ist besonders wichtig bei der Gestaltung von Veränderungen oder bei risikoreichen Entscheidungen. Daher gilt Authentizität als der Nordstern der Führungsentwicklung. Bedeutsame Führung ist immer mit Veränderung und Risiken verbunden. Eine Führung, die keinen gestaltenden Anspruch hat, sondern nur den Status Quo verwaltet, benötigt wahrscheinlich weniger Authentizität. Eine solche Führung ist jedoch für Organisationen, die an ihrer Zukunft interessiert sind, kaum von Nutzen.
Einwände
Die Kritik an Authentizität in der Führung kommt aus verschiedenen Richtungen. Früher galt die Idee von Führung und Authentizität als weltfremd und unrealistisch. Man befürchtete, dass authentische Führung die Karriere gefährden könnte. Heute hingegen wird kritisiert, dass manche Führungskräfte zu viel von sich im Arbeitskontext preisgeben. Es wird argumentiert, dass das nicht ganze, gesamte Selbst in die Organisation eingebracht werden sollte. Das gehe zu weit.
Wer Authentizität in der Führung als unrealistisch abtut, vermeidet wahrscheinlich eine eigene Position. Im Extremfall betrachtet man Organisationen als hierarchische Strukturen, in denen Entscheidungen von oben getroffen und im weiteren Verlauf lediglich umgesetzt werden müssen. Konflikte werden vermieden und sachliche Differenzen mit Vorgesetzten sollten nicht aufkommen, sonst steht es schlecht um die Karriere. Loyalität ist zweifellos eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Hierarchie. Wenn jedoch unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen nicht offen besprochen werden können, wird die Organisation blind für die Realität. Organisationen benötigen eine Vielfalt an Akteuren mit eigenen Ansichten und Wertvorstellungen, die als Sensoren für eine sich schnell verändernde Außenwelt dienen. Führungskräfte, die ihr unabhängiges Urteilsvermögen einbringen, erhöhen die Erfolgschancen der Organisation. Genau diese Führungskräfte verlassen die Organisation jedoch, wenn sie feststellen, dass ihre Sichtweisen nicht geschätzt und nicht berücksichtigt werden
Wer lediglich den Status Quo halten möchte, braucht keine authentische Führung.
Als Führungskraft muss man sich fragen, ob die Werte, die die Organisation vertritt zu den eigenen passen. Sicherlich kann man nicht erwarten, dass sämtliche eigenen Werte deckungsgleich mit denen der Organisation sind. Man sollte auch nicht erwarten, dass jede Entscheidung die in der Organisation getroffen wurde, der eigenen Einschätzung entspricht. Wie zum Leben in einer Gesellschaft gehört es auch zum Alltag in einer Organisation, dass es Dinge gibt, die mir nicht gefallen. Wenn die Übereinstimmung zwischen den persönlichen Überzeugungen und den Handlungen der Organisation jedoch zu gering wird, muss eine Führungskraft die Tragbarkeit der Situation hinterfragen. Ein Mangel an Übereinstimmung kann die Wirksamkeit als Führungskraft und die Arbeitszufriedenheit erheblich beeinträchtigen. Oftmals werden die negativen Auswirkungen erst nach einem Wechsel des Unternehmens deutlich. In einer Umgebung, die den eigenen Vorstellungen besser entspricht, wird das gesamte Arbeitsleben erfüllter. Die Person blüht auf, als Führungskraft ist man wirksamer, glücklicher und lebt tatsächlich auch gesünder.
Authentische Führung gewinnt heute erneut an Bedeutung, da mehr Menschen sich fragen, ob der Job den sie machen, wirklich das ist, zu dem sie ja sagen können. Es ist auch ein Zeichen von persönlicher Reife, wenn man die eigenen Werte überprüft. Will ich ja sagen zu den Auswirkungen der Arbeit auf mich, auf andere und auf die kommenden Generationen? Diese Fragen sind ein wichtiges Merkmal der Transformation, in der die Wirtschaftswelt sich befindet.
Will ich ja sagen zu den Auswirkungen der Arbeit auf mich, auf andere und auf die kommenden Generationen? Diese Fragen sind ein wichtiges Merkmal der Transformation, in der die Wirtschaftswelt sich befindet.
Jüngere Einwände gegen Authentizität in der Führung argumentieren, dass man nicht das ganze, ganze Selbst auf derArbeit zeigen solle. Manche persönlichen Äußerungen würden in einer Firma deplatziert wirken. Was aus dem privaten Leben in den Arbeitsalltag passt, muss man gemeinsam herausfinden und damit experimentieren. Deutlich zeigt sich, dass Organisationen stärker werden, wenn die Menschen sich als Personen unterstützt fühlen. Unsere Erfahrung aus zahlreichen Teamentwicklungsmaßnahmen zeigt, dass in Führungsteams Vertrauen zunimmt, wenn man persönliche Erfahrungen teilt. Doch nicht alles was man ist, muss man zeigen, um authentisch zu sein. Ruth Cohn prägte den Begriff der selektiven Authentizität dafür. Selektive Authentizität bedeutet, dass das, was man sagt, mit dem eigenen Empfinden und Werten in Übereinstimmung ist. Aber nicht alles, was man ist, empfindet und als wertvoll erachtet, sagt man auch. Es ist eine selektive Setzung, was man preisgeben möchte und man für eine Situation als angemessen ansieht. Authentizität braucht daher Bewusstheit über sich und die eigenen Überzeugungen ebenso wie ein Gewahrsein des Kontextes in dem man sich befindet. Kontextbewusst authentisch zu führen bedeutet daher eher angemessen als angepasst.
Authentische Führung bedeutet, dass eine Führungskraft etwas zur Problemlösung beitragen möchte. Sie setzt ihre Integrität für wichtige Themen ein und mobilisiert andere dafür, sich und die Welt weiter zu entwickeln.
Eine weitere Kritik an Authentizität ist, dass 'authentisch' nicht an und für sich schon gut ist. Man kann in Übereinstimmung mit sich sein – doch wenn dabei nur Eigennutz herauskommt, dann ist man halt ein authentischer Egoist. Doch die wenigsten Egoisten sind authentisch. Die meisten verstecken ihre Machtspiele hinter Absurditäten, die zwar sachlich töricht aber bedeutungsvoll daherkommen. Der eigene Machterhalt und die persönliche Bereicherung wird meist hinter heldenhaften Phantasien versteckt. Es geht eher darum, die einen gegen die anderen auszuspielen anstatt den eigenen Job verantwortungsvoll auszuüben. Authentische Führung bedeutet hingegen, dass eine Führungskraft etwas zur Problemlösung beitragen möchte. Sie setzt ihre Integrität für wichtige Themen ein und mobilisiert andere dafür, sich und die Welt weiter zu entwickeln.